Aktuelles & Presse

Zukunftsstrategien auf Top-Niveau der Forschung!

Wien. Zum 24. Mal treffen sich vom 13. bis 15. Mai 2015 Ärzte der verschiedenen medizinischen Fachrichtungen, die sich mit dem Schlaganfall befassen – so etwa Neurologie, Innere Medizin, Intensivmedizin und Rehabilitation – zur „European Stroke Conference“ (ESC) 2015.

Chairman und Mitbegründer der ESC ist Professor M.G. Hennerici, Direktor der Neurologischen Universitätsklinik Mannheim der Universität Heidelberg. Als eine der weltweit größten Schlaganfallkonferenzen findet die „European Stroke Conference“ seit 1990 mit Jahreskongressen in ganz Europa statt. Im folgenden Interview gibt Prof. Hennerici einen Einblick in Highlights und Schwerpunkte der diesjährigen ESC in Wien sowie in die Herausforderungen einer innovativen, zukunftsgerichteten,  grundlagennahen und klinischen Forschung auf diesem Gebiet.

1. Prof. Hennerici, Sie sind einer der Gründer der „European Stroke Conference“, die seit 1990 undnun schon zum 24. Mal mit Jahreskongressen in ganz Europa stattfindet. Welche Ziele mit Blick auf die Schlaganfallforschung wurden schon erreicht?

„Im vergangenen Vierteljahrhundert ist es gelungen, die Folgen und Komplikationen akuter Schlaganfallerkrankungen in den industrialisierten Nationen durch eine spezifische Therapie (iv Thrombolyse und Stroke Unit Management) drastisch zu reduzieren. Darüber hinaus konnten durch Lifestyleänderungen und bessere Risikofaktormodulation eine Reduktion der Schlaganfallinzidenz um bis zu 80% und der Herz- -Schlaganfall-Gefäßkrankheiten um bis zu 60% erreicht werden. Auch die Sterblichkeitsraten der Schlaganfallpatienten sind in den USA und Europa um ein Drittel reduziert worden. Wie das in Ländern Mittel- und Südamerikas aussieht, behandelt eine Plenary Session(4C) „Stroke burden, resources and management in developing countries“ – eine traditionell gemeinsame Veranstaltung der Panamerican Federation of Neurological Societies und der ESC.“

2. Welche Wünsche und Ziele verbinden Sie als Tagungspräsident mit der ESC 2015? Was ist Ihre persönliche Ausrichtung der Tagung und welche wichtigen Schwerpunkte haben Sie in diesem Jahr gesetzt?

„In diesem Jahr werden wir Aspekte der Zukunft in den Mittelpunkt mehrerer Symposien stellen, die bislang nicht oder nur sehr unzureichend diskutiert wurden, weil die entsprechenden Grundlagen des Verständnisses komplexer Reparaturprozesse des Gehirns und seiner Arbeitsweise im höheren Lebensalter fehlten. Dies hat sich inzwischen wesentlich geändert und wir können uns nun auf experimentelle und klinische Pilotstudien stützen und fragen: Welche Strategien stehen uns zur Verfügung, um die gegenüber bisherigem Wissen weitaus effektivere Plastizität des Gehirns und seine Fähigkeit zur temporären oder permanenten Kompensation von Läsionen in unsere Behandlungsstrategien einzubauen? Welche Zeitabläufe spielen dabei eine Rolle oder welche altersbedingt unterschiedlichen Mechanismen erfordern eine differenzierte Auswahl zwischen neuen Lernvorgängen, Strategiewechseln oder Netzwerkmodulationen? Zu Antworten haben wir eine Reihe internationaler Spitzenforscher in mehrere Symposien eingeladen: „Reorganisation after stroke“ (Symposium4), „The promise of neurorecovery from stroke: from molecules to networks“ (Plenary Session 5; ein gemeinsames Symposium der European Stroke Research Foundation ESRF und der ESC) und „Penumbra reperfusion“ (Symposium 3). Auch eine gemeinsame Sitzung mit der European Federation of Neurorehabilitation EFNR und der der ESC findet hierzu statt (Plenary Session 4A). Diese Symposien sind Highlights des Wiener Kongresses und diskutieren Zukunftsstrategien auf Top-Niveau der Forschung!“

3. Worin liegen weitere Schwerpunkte? Und welches sind die Herausforderungen für die nächsten Jahre?

„Auch der Ultraschall als diagnostisches und therapeutisches Instrument wird in Wien im Jubiläumsjahr der Konferenz nach 25 Jahren einen herausragenden Schwerpunkt bilden: Sonothrombolysis Update 2015 (Smposium9). TOP Wissenschaftler aus den USA und KANADA haben finanzielle und institutionelle Forschungsunterstützung in unglaublicher Höhe generieren können und zeigen einer lange europäischen Domäne der klinischen Forschung jetzt, was für die Zukunft an praktischer Anwendung in greifbarer Nähe erscheint, wenn entsprechende Fördermittel und höchstmotivierte und bestausgebildete Forscher zusammentreffen: Nur wenige Arbeitsgruppen – nicht zuletzt unsere eigene Mannheimer Forschergruppe mit S. Meairs – vermögen da noch mitzuhalten: ein echtes Highlight der ESC !“

4. Was hat sich in der Struktur und dem Programmablauf der ESC geändert? Wie sieht es mit den Sponsoren aus?

Außer inhaltlich höchst attraktiven und zahlreichen innovativen Themen der Wiener ESC werden wir eine Reihe neuer Sitzungsformen ausprobieren und ich freue mich auf die Reaktion unserer Teilnehmer: Die „Stroke news today“ sollen aktuelle Topics in konzentrierter Form zur Diskussion stellen (Inflammation and stroke, Botulinum toxin and stroke treatment, Stroke and oncology sowie Nutrition and dysphagia). Ein „Expert Roundtable“ soll kontroverse „Dauerbrenner“ auf den Punkt bringen und therapeutische Vorgaben „beyond guidelines“ wagen – wenn diese eben aus unterschiedlichen Gründen auch in Zukunft nicht zu erwarten sind. Ein neues Kommunikationsforum zu diesem Thema wird aus verschiedenen Perspektiven diskutieren (Plenary Session 3): „Large clinical trials reviewed…“ Was ist möglich? Was nicht? Sind die über Jahre hinweg gepflegten und gehegten „Large clinical trials“ und Metaanalysen noch up-to-date? Können sie unsere Fragen der Zukunft überhaupt noch beantworten, wenn nicht selten Jahrzehnte ins Land gehen, bis man leider feststellen muss, dass der schon (zu) lange zurückliegende und (oft überholte) Studienansatz nicht erfolgreich sein konnte?

Die Sitzungen für Nurses, Physiotherapeuten, Logopäden (AHPs) werden auf vielfachen Wunsch ins Hauptprogramm integriert – ebenso die Teaching Courses, womit wir den aktuellen Bedürfnissen nach Konzentration, Effizienz und Kostenreduktion unserer Teilnehmer entgegenkommen und einen Kongresstag einsparen. Dies ist auch den Sparmaßnahmen der Industrie geschuldet, die leider vom Standort Deutschland aus erstmals nicht mehr bereit war, sich für eine verbesserte Schlaganfallversorgung auch in Zukunft einzusetzen und international aktiv mitzuwirken. Damit scheint eine traditionell starke Repräsentanz auf der ESC seit 25 Jahren trotz/wegen internationaler Konkurrenz, die erfreulicherweise diesen Platz einzunehmen bereit ist, verloren zu gehen.“

6. Wissenschaftler aus der ganzen Welt tauschen sich auch über neue Therapien im Bereich des Schlaganfalls aus. Welche aktuellen Innovationen sind bei interventionellen bzw. chirurgischen Eingriffen zu erwarten?

„In den letzten Monaten sind mehrere klinische Studien publiziert worden, die im Gegensatz zu zahlreichen ähnlichen Studien aus den letzten 10 Jahren Daten vorlegen, die den Nutzen einer zur Thrombolyse ergänzenden interventionellen Thrombektomie einer verschlossenen großen Hirnarterie als Ursache eines ischämischen Schlaganfalls aufzeigen sollen. Qualität und Design dieser Studien weichen zum Teil erheblich voneinander ab und zahlreiche auch kritische Fragen, die nach der Veröffentlichung Anfang 2015 gestellt wurden, sind bislang nicht beantwortet. Wir werden in einem großen Symposium „Endovascular treatment of acute stroke: News and perspectives“ mit Vertretern verschiedener Fachdisziplinen ein vorläufiges Update präsentieren, kritische Fragen zur Bewertung der Daten stellen und die Bedeutung der Studienergebnisse sowie Chancen und Risiken im Falle einer Umsetzung in das klinische Management diskutieren (Plenary Symposium2).

Seit mehreren Jahren haben wir ein anderes Thema nicht mehr diskutiert, das nun ausführlich in zwei Symposien mit herausragenden Neurochirurgen aus Japan, Europa und Nordamerika aufgerufen wird: „Management of ruptured and unruptured aneurysms“, neueste experimentelle und klinische Studienergebnisse zur Pathobiologie, „natural history“ und pharmakologischen sowie interventionell/neurochirurgischen Therapien (Symposium 7A und 7B).

Demgegenüber erscheint das Dauerthema „Asymptomatic carotid disease“ zunächst weniger attraktiv. Daher werden wir im neuen Sitzungs- und Kommunikationsstil der EXPERT ROUNDTABLES den unmittelbaren Diskussions-intensiven Austausch mit den Kongressteilnehmern suchen und die Frage des Managements jenseits sicherer Leitlinien kontrovers diskutieren. Chancen und Enttäuschungen werden hierzu auch in der Plenary Session 3 angesprochen.“

7. Welche neuen Aspekte der Schlaganfallprävention sind bei einer immer älter werdenden Bevölkerung zu erwarten? Stichwort „personalised stroke management“ - Inwieweit können schon Konzepte individualisierter, „maßgeschneiderter“ Therapie umgesetzt werden? Welche Rolle spielen dabei interdisziplinäre Konferenzen?

„Mit zunehmender Lebenserwartung unserer Bevölkerung und wachsendem Erfolg neuer Therapien anderer, bislang bereits in mittleren Dekaden lebensbedrohlicher Erkrankungen, wächst die Gefahr von Schlaganfällen von Personen über 75 und 80 Jahren. Prävention, Management im Akutstadium und Anschlussmaßnahmen sehen sich daher komplexen Komorbiditäten ausgesetzt: Dies betrifft ein neues Zukunftsthema „Stroke and oncology“ sowie „Personalised management“, das wir erstmals in „Stroke news today“ – Teaching Course - Symposium 5 (Large clinical trials: Translation to clinical practice) präsentieren werden.

Auch gemeinsame Krankheitsfaktoren und Komorbiditäten im älteren wie im jüngeren Lebensalter, wo die Schlaganfallhäufigkeit entgegen allen Erwartungen zunimmt, wurden in früheren Schlaganfallkonferenzen nur am Rande behandelt: „The concept of stress and emotions“ ist Titel eines traditionell gemeinsamen Symposiums der European Society of Cardiology und der ESC (Plenary Session 4B), das auch auf der Jahrestagung der europäischen Kardiologen in London mit modifizierten Perspektiven wiederholt wird.“

8. Der Bereich der Schlaganfallversorgung stellt besondere Anforderungen an die interdisziplinäre medizinische Zusammenarbeit. In welchen Bereichen könnten noch Verbesserungen erreicht werden? Welche Rolle spielt der Faktor Zeit?

„Interdisziplinäre Kooperationen haben zu wesentlichen Verbesserungen der individuellen Schlaganfallversorgung geführt, so die bildgebenden Verfahren (Symposium 1).

Epidemiologische Untersuchungen bei großen Bevölkerungsgruppen haben geholfen, unterschiedliche Strategien der Prävention und des Managements bei heterogenen Voraussetzungen rund um den Globus zu erarbeiten. Neuropsychiatrische und Verhaltensänderungen nach dem Schlaganfall (Symposium 8 Neuropsychiatry and stroke) sind ein wichtiges Thema, insbesondere bei den Spezialformen der Durchblutungsstörungen kleiner Hirnarterien, die wir über viele Jahre als Symposien angeboten haben und jetzt pausieren.

Zum Thema „Time is brain: streamlineing hyperacute stroke care“ liegen erste publizierte Ergebnisse vor, die in unserem Wissenschaftsjournal Cerebrovascular Diseases im Dezember 2014 publiziert und die auf der Konferenz in einer eigenen Plenary Session 6 mit Beteiligung internationaler Referenten aus Europa, USA und Russland diskutiert werden.“

9. Auf der 24. European Stroke Conference werden weitere wichtige Schwerpunkte angesprochen…

„In Wien darf man ein Thema nicht auslassen: Stroke and the Arts. Das Symposium 6 widmet sich der Analyse komplexer Krankheitsbilder bei Künstlern, die einen Schlaganfall erlitten haben – die Konsequenzen eines solchen Ereignisses auf die künstlerische Schaffenskraft und Kreativität soll beispielgebend auch für nicht professionelle Kunstliebhaber und -enthusiasten angesprochen werden. Auch therpeutische Ansätze werden diskutiert, etwa: Wie kann Musiktherapie nach einem Schlaganfall zur Rehabilitation beitragen?

Außerdem gibt es noch zwei Highlights, die wir zuvorderst noch geheim halten: die diesjährige Verleihung des 11. WEPFER AWARDS an einen herausragenden klinischen Wissenschaftler, der über die Fachdisziplinen hinaus diesen „OSCAR der ESC“ verdient hat – und die SPECIAL LECTURE eines gleichermaßen OSCAR-würdigen Schlaganfallwissenschaftlers im Forschungszentrum der USA.

21 ESC AWARDS werden am letzten Tag nach der SPECIAL LECTURE an 21 Kollegen verliehen, die die besten eingereichten eigenen Forschungsarbeiten auf unserer Tagung präsentiert haben – gefolgt von 21 Nachwuchsforschern aus aller Welt, denen ein Travel Grant der „European Stroke Research Foundation“ (ESRF) finanziell die Möglichkeit eingeräumt hat, ihren eigenen Beitrag auf der ESC in Wien vorzustellen und zu diskutieren – insgesamt stellen wir damit 60.000€ zur Nachwuchs- und Forschungsförderung seitens der ESRF und ESC zur Verfügung.

Allen Gästen sagen wir ein herzliches Willkommen in den Sprachen von über 80 Ländern, aus denen sich bisher Teilnehmer angemeldet oder registriert haben. Wir wünschen allen exklusive, ereignisreiche und weltverbindende Tage in der Ost und West umfassenden Stadt Wien!“

Prof. Hennerici, wir bedanken uns sehr herzlich für das Interview!

Alle Informationen und das gesamte wissenschaftliche Programm zur „European Stroke Conference“ gibt es auf der Tagungshomepage unter www.eurostroke.eu.