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Schmerzrehabilitation: Ausdauertraining gegen Schmerz und Depression Frührehabilitation: Deutschland hat Vorreiterrolle für andere Länder

Berlin. (ka) Der 9. Weltkongress der Internationalen Gesellschaft für Physikalische Medizin und Rehabilitation (ISPRM), der von der Deutschen und der Österreichischen Gesellschaft für Physikalische Medizin und Rehabilitation (DGPM und ÖGPM) ausgerichtet wurde, fand vom 19. bis 23. Juni 2015 in Berlin statt. Bei dem hochrangigen Kongress diskutierten über 2.400 Wissenschaftler aus über 96 Ländern neue wissenschaftliche Erkenntnisse in einem breiten Spektrum aktueller Themen. „Es war ein gelungener Austausch von Wissen und Know-How auf hohem Niveau. Wir hatten viele Diskussionen mit internationalen Experten in offener und freundlicher Atmosphäre“, so Kongress-Präsident Prof. Dr. med. Christoph Gutenbrunner, Direktor der Klinik für Rehabilitationsmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover.

Der große Andrang internationaler Wissenschaftler machte deutlich, dass das Fachgebiet der Physikalischen Medizin und Rehabilitation (PMR) sich weiter etabliert und weiterentwickelt hat und in der Rehabilitation, im Akutkrankenhaus und bei niedergelassenen Ärzten ein wachsender Bedarf an koordinierten, auf Basis ärztlicher Diagnosestellung und sozialmedizinischer Analyse konzipierter Eingriffe entstanden ist.

Neben 9 Schwerpunktthemen mit jeweils einem Einführungsvortrag eines internationalen Experten gab es einen wissenschaftlichen Austausch in Symposien, Hands-on-Workshops, Seminaren, speziellen Veranstaltungen für junge Wissenschaftler sowie Special-Interest-Sitzungen von Kooperationspartnern und nationalen Mitgliedsgesellschaften der ISPRM.

Ein Fokus lag in der Verbindung der ISPRM als nichtstaatlicher Organisation (NGO) mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Weitere Tagungsschwerpunkte befassten sich mit der Rehabilitation als umfassender Gesundheitsstrategie, Biowissenschaften in der Rehabilitation, Best-Practice-Modellen, verbesserten Arbeitstechnologien, beruflicher Rehabilitation sowie mit molekularen und neuronalen Mechanismen in der Schmerzrehabilitation.

Die Frage der wirksamen Rehabilitation von Menschen mit chronischen Schmerzen war eines der Hauptthemen beim ISPRM-Weltkongress – „ein gleichermaßen häufiges und oftmals unterschätztes Krankheitsbild mit großen psychosozialen Auswirkungen“, wie Prof. Gutenbrunner betonte: „Die Häufigkeit chronischer generalisierter Schmerzen am Bewegungsapparat in der Bevölkerung wird auf 10 bis 14% geschätzt.“

Es wurden neue wissenschaftliche Erkenntnisse präsentiert, die belegen, dass bei der Entstehung von chronischen Schmerzen sowohl körperliche als auch psychosoziale Faktoren eine Rolle spielen, die in der Rehabilitation zu berücksichtigen sind: Während es auf körperlicher Ebene zu Veränderungen der Aktivierung bestimmter Areale im Gehirn komme, die eine verstärkte Wahrnehmung derselben Schmerzreize bedeuten, veränderten sich gleichzeitig die Spiegel von sogenannten Schmerzmediatoren im Blut und in der Gehirnflüssigkeit, was ebenfalls die allgemeine Schmerzempfindlichkeit erhöhe. Diese Veränderungen seien auch mit der Entstehung psychischer Symptome bei Patienten mit chronischen generalisierten Schmerzen verbunden wie z.B. Depressivität und Ängstlichkeit.

Neueste Studien zeigten, dass die Schmerzmediatoren durch ein körperliches Ausdauertraining wieder normalisiert werden könnten, wobei auch die Depressivität deutlich zurückging. Um die Mechanismen weiter aufzuklären, sollten weitere Studien zur Wirksamkeit solcher Therapiestrategien durchgeführt werden. Doch sind schon die aktuellen Forschungsergebnisse für die Gestaltung von Rehabilitationsmaßnahmen von großer praktischer Bedeutung. Diese sollte eine wirksame Behandlung der primären Erkrankung und gleichzeitig des Schmerzes umfassen sowie gleichermaßen das Ausdauer-Leistungstraining als auch verhaltenstherapeutische Elemente beinhalten. Außerdem sollte die Rehabilitation so früh wie möglich einsetzen.

Die nationale Sitzung der Deutschen Gesellschaft für Rehabilitation befasste sich ausschließlich mit dem Thema der Frührehabilitation im Akut-Krankenhaus, bei dem Deutschland eine Vorreiterrolle einnimmt. Mehrere Studien zeigten übereinstimmend: Je früher der Beginn der Rehabilitation, desto besser das Ergebnis. So können zum Beispiel nach schwerem Schlaganfall und nach Querschnittlähmung frühestmögliche rehabilitative Therapien schon während der Akutphase der Erkrankung das Ergebnis des gesamten Behandlungsprozesses verbessern. Wie Dr. med. Jean-Jacques Glaesener, Chefarzt des Zentrums für Rehabilitationsmedizin am BUK Hamburg betonte, sind auch bei anderen schwerwiegenden Erkrankungen positive Ergebnisse zu erreichen, etwa bei schweren Unfallverletzungen, Langzeitbeatmung, Schädel-Hirn-Verletzungen oder großen Bauchoperationen, wenn eine schon auf der Intensivstation beginnende konsequente Rehabilitation lückenlos während des Aufenthaltes im Akutkrankenhaus fortgesetzt wird.

Seit der Verabschiedung des Sozialgesetzbuches IX von 2001, das ausdrücklich eine frühestmöglich einsetzende kombinierte akutmedizinische und rehabilitativmedizinische Behandlung von Krankenhauspatienten verschiedener medizinischer Fachgebiete mit einer akuten Gesundheitsstörung und einer relevanten Beeinträchtigung von Körperfunktionen und -strukturen, Aktivitäten und Partizipation fordert, wurden bundesweit Abteilungen für fachübergreifende Frührehabilitation aufgebaut, welche teilweise in der Lage sind, noch beatmungspflichtige Patienten aus den umliegenden Intensivstationen aufzunehmen und in einem Akutkrankenhaus-Setting zu rehabilitieren.

Wie Dr. Glaesener betonte, ist Deutschland seitdem einen konsequenten Weg gegangen, dass die von bleibender Behinderung bedrohten Patienten so schnell und effizient wie möglich eine spezifische rehabilitative Behandlung bekommen. Die positiven Ergebnisse dieser engen Zusammenarbeit von Akutmedizin und Rehabilitation wurden präsentiert und modellhaft zur Nachahmung für andere Länder aufbereitet.

Weitere wichtige Tagungsthemen waren z.B. die internationalen Entwicklungen bei der Einbeziehung von Rehabilitationsmaßnahmen im Gesundheitssystem, der Rehabilitation von Patienten mit neurologischen Erkrankungen sowie von Kindern und älteren Menschen sowie zur Bedeutung von gezielten diagnostischen Maßnahmen und neuen Therapieformen. Dabei lag ein besonderer Schwerpunkt in der Nutzbarmachung moderner Technologien in der Rehabilitation.

In speziellen „Young Scientist Sessions“ wurden praktische Herausforderungen und spezielle Fragen für den wissenschaftlichen Nachwuchs thematisiert, etwa wie man eine eigene Forschungsgruppe entwickelt, ein Netzwerk aufbaut oder Zuschüsse beantragt. Posterpräsentationen wurden in eigenen Sitzungen in Kleingruppen vorgestellt und konnten während der gesamten Konferenz elektronisch abgerufen werden. Eine umfangreiche Industrieausstellung mit neuesten Entwicklungen innovativer Produkte und Anwendungen rundete das Kongressprogramm ab.

Weitere Informationen zum 9. Weltkongress der ISPRM sowie das wissenschaftliche Programm sind auf der Tagungs-Homepage www.isprm2015.org.

Hintergrund

Als eigenständiges medizinisches Fachgebiet leistet die Physikalische und Rehabilitative Medizin (PRM) den medizinischen Anteil an der Rehabilitation von kranken und behinderten Menschen, die durch krankheits- oder unfallbedingte Schädigungen in ihren körperlichen, seelischen und mentalen Funktionen beeinträchtigt sind und deshalb nicht mehr aktiv am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können.

PRM-Fachärzte versorgen ihre Patienten in interdisziplinärer Zusammenarbeit mit spezifischen rehabilitationsmedizinischen Methoden. Im Rehabilitationsteam versuchen sie durch Prävention, Diagnostik, Therapie, Palliation, Rehabilitationsmanagement, Beratung und sozialmedizinische Beurteilung neben der Funktionsverbesserung eine weitestmögliche Unabhängigkeit in allen Lebensbereichen zu erreichen.