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Neue Strategien gegen Krankenhausinfektionen bei komplexen Antibiotikaresistenzen

Münster. Am 30. September 2015 ging in Münster die 67. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie (DGHM) e. V. mit großem Erfolg zu Ende. Rund 950 nationale und internationale Wissenschaftler trafen sich bei der deutschlandweit größten Fachkonferenz in diesem Bereich. Vier Tage lang präsentierten sie ihre neuesten Erkenntnisse im Bereich der mikrobiologischen Forschung und Anwendung. „Ein breites Spektrum in allen Gebieten von Mikrobiologie, Hygiene und Infektionskrankheiten war Gegenstand von wissenschaftlichen Präsentationen und Diskussionen“, so die Kongresspräsidenten Prof. Dr. Dr. h. c. Helge Karch, Institut für Hygiene am Universitätsklinikum Münster und Prof. Dr. med. Georg Peters, Institut für Medizinische Mikrobiologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. „Im Fokus standen Aspekte der Grundlagenforschung - z. B. zur Krankheitsentstehung - bis hin zur klinischen Anwendung.“   Neben hochrangigen Expertenvorträgen und Diskussionsrunden waren auch die praxisorientierten Workshops und Posterpräsentationen gut besucht und waren weitere Plattformen für den wissenschaftlichen Austausch. 

Insbesondere in den Bereichen der Infektionsdiagnostik und der Infektionsprävention sowie für die Sicherung des öffentlichen Gesundheitssystems gab es vielfältige Tagungsschwerpunkte, etwa zum Thema Krankenhaushygiene und „Public Health“. Neben Symposien mit Vorträgen zu Krankenhaushygiene und öffentlichem Gesundheitswesen wurden in rund 100 wissenschaftlichen Vorträgen und Workshops neue Daten zur Infektionsepidemiologie und -prävention vorgestellt und diskutiert. Ein viel beachtetes Symposium thematisierte die Wahrnehmung der Infektionsproblematik mit multiresistenten Erregern (MRE) in den Medien. Die zunehmende Antibiotikaresistenz, die einen großen Teil der wissenschaftlichen Arbeit einnimmt, werde als Thema in Politik und Öffentlichkeit meist nur im Rahmen von einzelnen Ausbrüchen mit bisher zu wenig fachlicher kompetenter Diskussion der gesamtgesellschaftlichen Komponente der Antibiotikaresistenz wahrgenommen. 

Unter der Prämisse, dass Infektionsprävention eine Aufgabe der gesamten Gesellschaft ist und in der breiten Öffentlichkeit insbesondere Häufungen von im Krankenhaus erworbenen Infektionen mit großer Besorgnis wahrgenommen werden, standen Ausbrüche von lebensbedrohlichen Viruserkrankungen und der bedrohlichen Ausbreitung von multiresistenten Bakterien in der Diskussion. Konsens herrschte über die dringende Notwendigkeit neuer Strategien zur Behandlung und Prävention der dadurch bedingten Infektionen. Als besorgniserregend wurde es bewertet, dass z. B. durch die Akquirierung von hochresistenten Erregern schon im Ausland zunehmend Patienten bereits bei der Krankenhausaufnahme mit antibiotikaresistenten Erregern besiedelt sind. 

Im Zentrum der Diskussion stand die Frage, welche Maßnahmen zur Infektionsprävention wirklich effizient sind. Übereinstimmendes Ziel war es, nicht nur die sogenannte Basishygiene bei den Patienten im Gesundheitswesen weiter zu entwickeln und bei allen Beschäftigten zu implementieren, sondern auch solche Patienten frühzeitig zu erkennen, die mögliche Krankheitserreger wie zum Beispiel multiresistente Erreger tragen und beim Träger selbst oder bei Mitpatienten zu Infektionsproblemen führen könnten, um geeignete Isolierungsmaßnahmen ergreifen. Dabei seien Konzepte, die zur Bekämpfung von MRSA erfolgreich umgesetzt werden, nicht ohne weiteres auf biologisch völlig andere multiresistente Erreger zu übertragen wie zum Beispiel auf gramnegative Darmbakterien. 

In der Diskussion wurden auch politische Aspekte zu den strukturellen Bedingungen für eine erfolgreiche Infektionsprävention in Krankenhäusern und zu den notwendigen Personalressourcen  angesprochen, etwa aber auch zu der zunehmend wichtigen Rolle des ÖGD in diesem Kontext. Neben der verstärkten Ausbildung von Krankenhaushygienikern und Hygienefachkrankenpflegekräften sei es vor allem entscheidend, dass in den Kliniken ausreichend qualifiziertes Personal zur Umsetzung der Hygienemaßnahmen arbeitet. Für effektive Zukunftskonzepte sollten die Erfahrungen im nationalen und internationalen Austausch weiter wissenschaftlich ausgewertet werden. 

Als eine zukünftig mögliche neue Strategie gegen Krankenhausinfektionen wurde die lokale Anwendung von Bakteriophagen vorgestellt. Diese neue Entwicklung könnte angesichts der komplexen Antibiotikaresistenzen eine Möglichkeit der alternativen Therapie und Prävention sein:  spezialisierte Viren, die nur Bakterien als Wirt befallen und dafür Substanzen bilden, die sich spezifisch an bestimmte Bakterienarten oder -stämme anlagern und diese innerhalb von Minuten abtöten (Lysine). Ihre hochspezifische und extrem schnelle Wirkung vermeidet die Entstehung von Resistenzen. Nach erfolgreichen Vorstudien sind erste klinische Studien zur Anwendung als Mittel zur nasalen MRSA-Eliminierung schon geplant. 

Unter dem Titel „NGS für mikrobielle genomische Überwachung und darüber hinaus – eine Technologie für Alles“ wurde das sogenannte „Next-Generation Sequencing“ präsentiert: eine ultraschnelle und zunehmend preisgünstigere Möglichkeit, die bisherige Stufendiagnositik durch das Erfassen multipler Mutationen in einem einzigen Test einzusetzen. „Im Rahmen dieser DGHM wurde an vielen Beispielen deutlich, dass die NGS schon jetzt verschiedene Bereiche der Krankenhaushygiene und mikrobiologischen Diagnostik revolutioniert hat“, betonte Prof. Karch. Große Vorteile dieser universellen „Technologie für Alles“ gegenüber der herkömmlichen Diagnostik liegen z. B. in ihrem Auflösungsvermögen, welches die exakte Darstellung der Erregerepidemiologie ermöglicht und eindeutig belegen kann, inwieweit ein Erreger von einem Patienten auf einen anderen übertragen wurde oder nicht. 

Neue Grundlagenerkenntnisse zur schnellen Diagnostik und Aufklärung von Ausbrüchen sowie darauf fußende neue Strategien zur Intervention wurden in mehreren Sitzungen präsentiert und diskutiert.

Bei der Vorstellung innovativer Untersuchungen im Bereich des Immunsystems „TLR und Inflammasom“ ging es unter anderem um den sogenannten „Toll-like receptor“, der in Krankheitserregern vorkommende Strukturen erkennt, die die entsprechenden Aktivierungen von Genen steuern. 

Ein besonderer Fokus lag auf der Gefahr zoonotisch übertragbarer Krankheiten. „Fast alle neu auftretenden infektiösen Krankheiten sind zurückzuführen auf einen vermehrten Kontakt zwischen Mensch und Tier, auf die Intensivierung der Lebensmittelproduktion sowie auf die Zunahme des internationalen Verkehrs“, betonte Prof. Peters mit Blick auf Krankheitsausbrüche durch Lebensmittel- oder Tierhaltungsassoziierte bakterielle Erreger (EHEC, LA-MRSA) oder virale Pathogene wie MERS oder Ebola. Diskutiert wurde ein ganzheitlicher, disziplinenübergreifender "One Health"-Ansatz, der die systemischen Zusammenhänge von Mensch, Tier und Umwelt und Gesundheit für ein integratives, nachhaltiges Gesundheitsmanagement berücksichtigt. „Gerade in Deutschland wurde in den letzten Jahren durch Förderung des Bundes einiges an Netzwerkarbeit zu Zoonosen geleistet“, so Prof. Karch. Der Forschungsverbund FBI-Zoo zu lebensmittelassoziierten bakteriellen Erkrankungen, das FluResearchNet, ein nationales Forschungsnetzwerk zur zoonotischen Influenza oder die Nationale Forschungsplattfom für Zoonosen sind nur einige Beispiele von erfolgreichen interdisziplinären Netzwerkaktivitäten, deren Ergebnisse auf der Konferenz präsentiert wurden. 

Die nächste DGHM-Tagung findet unter dem Tagungspräsidenten Prof. Dr. Steffen Stenger, Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene des Universitätsklinikums Ulm, vom 11. bis 14. September 2016 in Ulm statt. Weitere Informationen unter www.dghm-kongress.de.