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Kongresspräsidenten-Interview mit Prof. Dr. Stephan Ludwig: Aktuelle Erkenntnisse bei der Bekämpfung von Viruskrankheiten

Münster. (ka) Rund 1.000 junge und etablierte Wissenschaftler aus der ganzen Welt und aus allen Bereichen der Virologie werden zur wichtigsten Veranstaltung für Virologen im deutschsprachigen Raum vom 6. bis 9. April 2016 in Münster erwartet. Bei der 26. Jahrestagung der Gesellschaft für Virologie e. V. (GfV), der größten wissenschaftliche Fachgesellschaft der Virologie in Europa, tauschen sie sich gemeinsam mit der Deutschen Vereinigung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten e.V. (DVV) in Münster aus. International renommierte Spitzenforscher treffen dabei auf junge Wissenschaftler mit neuen Ideen und diskutieren ihre aktuellen Forschungen. Einen ersten Einblick in Tagungsschwerpunkte und Highlights gibt Kongresspräsident Prof. Dr. Stephan Ludwig, Institut für Molekulare Virologie am Zentrum für Molekularbiologie der Entzündung (ZMBE) der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU).  

Viruses in Motion“, also „Viren in Bewegung" – das Motto des wissenschaftlichen Programms ist mit Bedacht gewählt. Welche Schwerpunkte sind mit diesem zentralen Kongressthema gesetzt?  Und wie hängt dies mit dem Tagungsort Münster zusammen? 

Prof. Ludwig:  „Das Motto des Kongresses ist ganz bewusst so angelegt, dass man es in mehrerer Hinsicht interpretieren kann.  Zum einen soll es natürlich die ständige evolutionäre Veränderung und Ausbreitung von viralen Erregern verdeutlichen.  Zum anderen ist aber auch die mikroskopische Bewegung und Ausbreitung von Erregern und ihrer Bestandteile im infizierten Organismus gemeint, die man mit den modernen hochauflösenden Mikroskopietechniken tatsächlich bildlich darstellen kann. Beide Themenbereiche werden als spezifische Schwerpunkte während des Kongresses beleuchtet  und hängen eng mit dem wissenschaftlichen Profil der Universität Münster zusammen.  Die Plenarsitzung „Visualisierung von Viren“ wird beispielsweise gemeinsam mit dem Münsteraner Exzellenzcluster Cells in Motion organisiert, während das Thema „Evolution von Viren“ in Kooperation mit der Münster Graduate School of Evolution behandelt wird.“ 

Dass Viren eine sehr dynamische Entwicklung haben und damit eine besondere Funktion erfüllen, ist bekannt und Gegenstand weiterer Forschungen. Inwieweit sind in der fachlichen Diskussion neue Erkenntnisse zu erwarten, welche Rolle virale Krankheitserreger bei der Evolution höherer Organismen spielen?   

Prof. Ludwig:  „Viren haben durch Integration ihrer Erbinformation in das Wirtsgenom in der Tat einen großen Beitrag zur Evolution höherer Organismen geleistet. Diesem Grenzgebiet zwischen Virologie und Genetik wird ebenfalls auf dem Kongress besondere Aufmerksamkeit gewidmet, da neuste Techniken zur Aufklärung von Genomsequenzen in den letzten Jahren viele neue Erkenntnisse der Rolle von Viren als Treiber der Evolution erbracht haben.“ 

Ein wichtiger Tagungsschwerpunkt liegt auf  neuen Krankheitserregern,  etwa bei der Interaktion von Viren mit der Zelle und dem körpereigenen Immunsystem. Welche neuen Erkenntnisse gibt es? 

Prof. Ludwig:  „Die letzten Jahrzehnte haben gezeigt dass wir es immer wieder mit neu auftretenden Viruserkrankungen zu tun bekommen und auch in Zukunft bekommen werden.  Dies ist natürlich eine Herausforderung für die virologische Forschung, die immer schnell und flexibel auf neue Entwicklungen reagieren muss.  In übertragenem Sinne haben auch wir, die Kongressorganisatoren, auf die aktuelle Bedrohung durch das Zika-Virus in Brasilien reagiert, indem wir kurzfristig einen zusätzlichen Fachvortrag zu diesem Thema in das Programm aufgenommen haben.

Durch die Nutzung moderner systembiologischer Ansätze rückt in der virologischen Forschung immer mehr die Interaktion der Erreger mit ihrer Wirtszelle und dem Immunsystem des Wirtes in den Vordergrund. Dies wird auch ein Schwerpunkt des Kongresses sein, wobei wir hier neue Erkenntnisse insbesondere hinsichtlich der viralen Strategien erwarten, mit denen Viren der Wirtsabwehr entgehen können.“ 

In Vorträgen, Workshops und Poster-Sessions werden Themen aus dem gesamten Gebiet der Virologie vorgestellt. Welche sind besonders hervorzuheben bzw. bei welchen Aspekten im Zusammenhang mit Viren und viralen Infektionen erwarten Sie aktuelle Diskussionen? 

Prof. Ludwig:  „Neben den Themen der Bildgebung, der Evolution und der Frage neu auftretender Erreger steht natürlich immer auch die klinische Situation im Fokus.  Hier werden insbesondere Fragen der schnellen und sicheren Diagnostik, also des Nachweises von Erregern diskutiert. Ein übergreifendes Thema sind immer auch zoonotische Viren,  also Erreger die von Tieren auf Menschen (oder umgekehrt) übertragen werden.  Da über zwei Drittel der beim Menschen neu auftretenden Viren von Tieren stammen, stellt dieser Bereich eine besondere Herausforderung an die Forschung, insbesondere an die Zusammenarbeit zwischen Human- und Veterinärmedizin dar.“ 

Das aktuellste Beispiel dafür, wie gefährlich die Entwicklung von Viren für Menschen sein kann, ist das Zika-Virus. Mit Spannung erwartet werden die aktuellen Forschungsergebnisse eines Experten aus Hamburg. Auch wenn viele Fragen noch ungeklärt sind – ist mit neuen Erkenntnissen zu rechnen, wie sich der durch blutsaugende Stechmücken übertragene Krankheitserreger innerhalb weniger Monate zu einer solchen Gefahr für den Menschen entwickeln konnte? Sind Strategien in Sicht, die aussichtsreich umgesetzt werden könnten? 

Prof. Ludwig:  „Weltweit wird bereits fieberhaft sowohl an Impfstoffen als auch an antiviralen Interventionsmöglichkeiten gegen diese Viren gearbeitet. Auf der Tagung werden hier mit Sicherheit neuste Entwicklungen präsentiert.  Leider wird es noch einige Zeit dauern, bis diese Maßnahmen in der klinischen Versorgung umgesetzt werden können. Bis dahin bleibt wohl zunächst nur das Unterbrechen der Übertragungskette durch Bekämpfung der Mücken und das Einhalten von Verhaltensregeln im Umgang mit diesen Erregern.“ 

Inwieweit ist bei der GfV-Jahrestagung gerade das Zusammentreffen von jungen und erfahrenen Virologen eine Chance, neue Erkenntnisse der Virologie in ihrer wachsenden Bedeutung weiter voranzutreiben? 

Prof. Ludwig:  „Der Gesellschaft für Virologie ist es schon seit jeher ein Anliegen, den Nachwuchs in der virologischen Forschung zu unterstützen und zu stärken.  Deswegen wird bei den Kongressen auch immer ausreichend Zeit für die Begegnung und die Diskussion von Jung und Alt sowohl bei den gemeinsamen Abendveranstaltungen und in den Pausen als auch während der Poster-Sessions vorgesehen.  Die Vergabe von Posterpreisen und die jährliche Verleihung des Löffler-Frosch-Preises an einen hoch ausgewiesenen Nachwuchswissenschaftler sind weitere Maßnahmen der Gesellschaft, die zur besseren Sichtbarkeit des wissenschaftlichen Nachwuchs beitragen.“ 

In der Themenvielfalt des wissenschaftlichen Programms wird die rasante Entwicklung der Virologie deutlich. Können hier spezielle Themen genannt werden, deren Entwicklung in den nächsten Jahren ganz besonders spannend werden könnte? 

Prof. Ludwig:  „Die immer schneller fortschreitende Entwicklung von systembiologischen Ansätzen, bildgebenden Verfahren und der bioinformatischen Analyse, die es erlauben das Infektionsgeschehen im Organismus breit zu erfassen wird in den nächsten Jahren zu einer rasanten Weiterentwicklung der Erkenntnisse führen und schließlich auch neue Bekämpfungsstrategien einleiten.“ 

Prof. Ludwig, wir bedanken uns sehr herzlich für das Interview! 

Weitere Informationen sowie das wissenschaftliche Programm unter www.virology-meeting.de.