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Können Smartphone Apps und Internetprogramme bei Schlafstörungen helfen?

Mainz. Fitness-Tracker und Schlaf-Armbänder sind im Trend. Smartphone Apps und internetbasierte Therapieprogramme werden nun auch als Hilfsmittel bei Schlafstörungen angeboten. Wie zuverlässig sind die Messungen von Schlaf-Apps, ob man zu wenig oder schlecht schläft? Kann man mit Armbändern seinen Schlaf verbessern? Was ist von solchen ‚Handgelenks-Schlafmedizinern‘ zu halten? Bei der 23. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin vom 3. bis 5. Dezember 2015 in Mainz diskutieren über 2.000 Mediziner, Wissenschaftler und Experten neueste wissenschaftliche Erkenntnisse zu Diagnostik und Behandlung von Schlafstörungen. Unter anderem soll kritisch bewertet werden, inwieweit der Einsatz von Smartphone Apps und Internetprogrammen tatsächlich Sinn macht. „Es ist nicht immer einfach, klinisch sinnvolle und wissenschaftlich fundierte Apps und Internetprogramme von Angeboten zu unterscheiden, die viel versprechen, aber nichts davon einlösen“, gibt Prof. Dr. Dipl.-Psych. Dieter Riemann zu bedenken. DGSM-Tagungspräsident Dr. Hans-Günter Weeß warnt sogar vor Gefahren.

„Was Smartphone Apps betrifft, so ist es durchaus sinnvoll, z. B. Schlaftagebücher, die bislang ja handausgefüllt wurden, auch als Smartphone Application umzusetzen. Dies ermöglicht eine zeitnahe Erhebung und auch eine Rückmeldung, etwa in Form von Grafiken“, so Prof. Riemann. Hilfreiche Internetprogramme für Schlafstörungen könnten zwei Programme sein, die empirisch geprüft und validiert wurden: ‚SHUTi‘ und das in England entwickelte ‚Sleepio‘: „Beide Programme enthalten die wesentlichen Komponenten der sogenannten kognitiv-behavioralen Therapie für Insomnie und es konnte gezeigt werden, dass beide effektiv sind – wenn auch weniger effektiv als eine Therapie unter Normalbedingungen ‚face to face‘.“ Trotzdem könne ihr Einsatz sinnvoll sein: „Beide Programme stellen ein niederschwelliges Angebot dar, das eventuell auch von Menschen wahrgenommen wird, die wegen ihrer Schlafproblematik nie einen Arzt oder entsprechenden Experten konsultieren würden.“

Allerdings sei bei Smartphone Apps und Internetprogrammen auch der Aspekt zu berücksichtigen, dass bei Eingabe persönlicher Daten datenschutzrechtliche Bestimmungen eingehalten werden und die zum Teil sehr persönlichen Daten vor einer Einsicht Dritter geschützt sind. Gerade bei Smartphone Apps, die medizinische, Verhaltensdaten oder auch andere persönliche Daten erheben, bestehe noch ein extremer Nachholbedarf.

Was aber ist von Schlaf-Apps, Fitness-Trackern und Armbändern zu halten, die eine individuelle ‚Schlaf-Analyse‘ versprechen? „Eine ganze Reihe von Apps suggerieren, die Qualität des eigenen Schlafs zu erfassen und Rückmeldungen zu geben, ob der Schlaf erholsam ist oder nicht und dass er sich verbessern lässt“, warnt Dr. Weeß. „Von der technischen Seite her sind das keine validen Diagnoseinstrumente.“ Während im professionellen Schlaflabor mit sensiblen Messgeräten Hirnströme, Muskel- und Augenbewegungen und Herzfrequenz aufgezeichnet und wissenschaftlich ausgewertet werden, registrieren die Fitness-Tracker oft sehr ungenau die Bewegungen des Schläfers und lassen ihn mit den Ergebnissen allein. Die große Gefahr liege darin, dass Anwender bei vermeintlich schlechten Daten entweder unnötig verunsichert werden oder sich bei angeblich guten Ergebnissen in Sicherheit wiegen, obgleich sie tatsächlich unter Schlafstörungen leiden, die behandelt werden müssten. Deshalb seien solche ‚Handgelenks-Ärzte‘ sehr kritisch zu bewerten.

Entscheidend ist es, dass valide und klinisch effektive Anwendungen von solchen Anwendungen unterschieden werden, die ohne tatsächlichen Nutzen sind oder sogar gefährlich sein können. „Auf jeden Fall ist es sinnvoll, dass Schlafmediziner mit entsprechenden Unternehmen zusammenarbeiten und ihre Expertise in die Entwicklung solcher Programme mit einfließen lassen“, betont Prof. Riemann. Die Diskussion, inwieweit Smartphone Apps und Internetprogramme bei Schlafstörungen helfen können, wird im Rahmen der Jahrestagung interdisziplinär weitergeführt.

Alle Informationen zum DGSM-Kongress sowie das gesamte wissenschaftliche Programm finden Sie unter www.dgsm-kongress.de.