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Je länger ein Schmerz besteht, umso schwieriger ist die Behandlung

Halle. Über 20 Mio. Menschen leiden in Deutschland an chronischen Schmerzen. Aktuell gibt es für diese Vielzahl an Patienten jedoch keinen Facharzt für Schmerzmedizin. Die adäquate Versorgung und Behandlung der Schmerzpatienten ist nicht abgesichert. Wer chronische Schmerzen hat, der wendet sich zumeist als erstes an seinen Hausarzt und dieser schreibt im besten Falle zum richtigen Zeitpunkt eine Überweisung zu einem Schmerztherapeuten. Doch hier beträgt die Wartezeit auf einen Termin rund ein Jahr.

Die Zusammenarbeit zwischen Hausarzt und Schmerzspezialist ist seit Jahren das zentrale Thema des Mitteldeutschen Schmerztages, der am 27. und 28. November in der Georg-Friedrich-Händel-Halle in Halle an der Saale stattfindet. Veranstalter des Kongresses sind die Landesverbände der Schmerztherapeuten aus Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Das bewährte Motto "Hausarzt und Spezialist: Gemeinsam gegen den Schmerz" zielt auch in diesem Jahr wieder darauf ab, die hausärztlich tätigen Kollegen und die Schmerztherapeuten zu einem intensiven Dialog zusammen zu bringen. Im folgenden Interview äußert sich Dr. Thomas Otto, der die wissenschaftliche Leitung der Tagung inne hat, über die Ziele dieser Fortbildungsveranstaltung sowie neue Erkenntnisse und Entwicklungen seines Fachgebietes.

1. Herr Dr. Otto, wenn Sie einen Wunsch frei hätten – was wäre er in Bezug auf Ihr Fachgebiet? Was würde die Schmerzmedizin voranbringen?

Leider sind strukturelle Veränderungen im Gesundheitswesen nur schwer umzusetzen. Das liegt an den unterschiedlichen Interessenslagen der maßgeblich Verantwortlichen sowohl auf Ärzte- als auch auf Krankenkassenseite. Dennoch: eine stärkere qualitätsgesicherte Verankerung und Vernetzung der Schmerzmedizin auf den ambulanten und teil- bzw. vollstationären Versorgungsebenen würde die Versorgung von Patienten mit chronischen Schmerzen wesentlich verbessern.

2. Und ganz realistisch: Was sind in diesem Jahr die Schwerpunkte, über die auf dem Mitteldeutschen Schmerztag gesprochen werden soll?

Ebenso wie eine zufriedenstellende Schmerztherapie die verschiedensten Lösungsansätze beinhaltet, soll der Mitteldeutsche Schmerztag unterschiedliche Sichtweisen aufzeigen. Dazu referieren Spezialisten verschiedener Fachrichtungen praxisrelevante Aspekte zur Diagnostik und Therapie chronischer Schmerzen. Die psychologischen Themen sind mir ebenso wichtig wie die körperlichen. Eine Aufzählung bzw. Wertung der unterschiedlichen Gebiete möchte ich hier nicht vornehmen, da ich alle Beteiligten für gleichermaßen wichtig halte. Außerdem funktioniert die Schmerztherapie nur im Team und ist keine Aufgabe für „Solisten“.

Einen großen Teil der Veranstaltung nehmen wieder Seminare für das Pflegepersonal ein. Weiterbildungen für diese Berufsgruppe sind leider eher selten, so dass dieser Punkt besonderer Aufmerksamkeit bedarf.

3. Der Titel einer Sitzung ist „Schmerztherapeutische Stolpersteine für den Hausarzt“. Welche Stolpersteine sind gemeint und welche Lösungen werden angeboten?

Als Stolpersteine für die Hausärzte werden in diesem Fall spezielle Erkrankungen bezeichnet, die einer gezielten Schmerztherapie bedürfen. Diese werden aus Sicht verschiedener Fachbereiche betrachtet. Ein Problem stellt leider manchmal eine mangelnde Abstimmung zwischen Haus- und Fachärzten dar. Patienten mit Schmerzen sollten möglichst zeitig therapiert werden, um eine sogenannte

Chronifizierung zu vermeiden. Je länger ein Schmerz besteht, umso schwieriger stellt sich die Behandlung für den Haus- oder Facharzt dar.

Die Lösung der Probleme besteht in einem strukturierten Behandlungskonzept und koordinierter Zusammenarbeit von Hausärzten und Schmerzmedizinern bei der Versorgung der Patienten. Kernpunkte sind dabei Protokolle für Diagnostik und Therapie sowie die frühzeitige Überweisung. Gemeinsame Fallkonferenzen erleichtern den Beteiligten ebenfalls die Arbeit und verbessern die Interdisziplinarität.

4. Kosten in der Schmerztherapie sind immer ein Thema. Was wünschen Sie sich von den Krankenkassen?

Wir stellen bei einzelnen Krankenkassen eine zunehmende Sensibilisierung in Bezug auf die Kostenentwicklung von Patienten mit chronischen Schmerzen fest. Diesen Trend gilt es weiter zu verfolgen. Denn: die frühzeitige Intervention kann eine Schmerzchronifizierung vermeiden. Mein Wunsch: Gemeinsam mit den Kassenärztlichen Vereinigungen sollten sich die Krankenkassen auf Versorgungsziele in der Schmerzmedizin einigen, um der in weiten Teilen Deutschlands existierenden schmerzmedizinischen Unterversorgung zu begegnen. Die Fakten liegen seit langem auf dem Tisch, allein am Gestaltungswillen der Gemeinsamen Selbstverwaltung scheitert es bislang, dass sich die Situation positiv für die Patienten strukturell verbessert.

5. Etwa 20 Mio. Bundesbürger leiden chronisch unter Schmerzen. Demgegenüber stehen 1100 ambulant tätige Schmerzärzte. Wie lässt sich dieses Versorgungsdilemma lösen? Ist die Einführung eines Facharztes für Schmerzmedizin die Lösung?

Zu unseren Lösungsvorschlägen, die wir sowohl auf Bundes- als auch auf Landesebene mit unseren Verhandlungspartnern besprechen, gehören eine an dem schmerzmedizinischen Versorgungsbedarf adäquat orientierte Bedarfsplanung, die Einführung eines Facharztes Schmerzmedizin, eine dringend notwendige Planungssicherheit für ambulante schmerzmedizinische Einrichtungen, der Ausbau einer teil- bzw. vollstationären Versorgungsstruktur und eine tragfähige Nachwuchsförderung von Schmerzmedizinern. Vor allem die schmerzmedizinische Nachwuchsproblematik wird die Situation in kurzer Zeit verschärfen. Denn in fünf Jahren werden etwa zwei Drittel der heute ambulant tätigen Schmerzmediziner in den verdienten Ruhestand gehen.

6. Ist das Konzept des Mitteldeutschen Schmerztages, die Interaktion zwischen Schmerztherapeut und Hausarzt zu verbessern, aufgegangen? Können Sie in ihrer täglichen Arbeit feststellen, dass die hausärztlich tätigen Kollegen Menschen mit chronischen Schmerzen besser behandeln und gezielt überweisen?

Das ist ganz sicher der Fall. Allein, dass der Mitteldeutsche Schmerztag 2015 bereits zum 6. Mal mit großer Beteiligung stattfindet, zeigt den Erfolg der früheren Veranstaltungen. Die hausärztliche Versorgung in Mitteldeutschland ist trotz der hohen Arbeits- und bürokratischen Belastung als gut einzuschätzen. Die Therapie wird zunächst umfassend vom Hausarzt durchgeführt und der Schmerztherapeut nur bei Bedarf kontaktiert. Abschließend ist nochmals festzustellen, dass wir Ärzte zum Nutzen des Patienten eng zusammenarbeiten müssen und dieses auch tun, wie der Kongress erneut zeigt.

Alle Informationen zum Programm des Mitteldeutschen Schmerztages finden Sie unter www.mitteldeutscher-schmerztag.de.