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Highlights beim 24. europäischen Schlaganfall-Kongress in Wien

WienMit großem Erfolg fand die 24. „European Stroke Conference“ (ESC) vom 13. bis 15. Mai 2015 in Wien statt. Bei einem der weltweit größten Schlaganfallkongresse trafen sich fast 2000 Teilnehmer aus über 80 Ländern, um über aktuelle Themen in der Schlaganfallbehandlung sowie in der interdisziplinären Forschung und klinischen Zusammenarbeit der medizinischen Bereiche, die sich mit dem Schlaganfall befassen, zu diskutieren und neue Erkenntnisse im Congress Center der Reed Messe Wien auszutauschen. 

Eine kontroverse Diskussion auf hohem Niveau wurde über neue Daten zur  interventionellen Thrombektomie beim akuten ischämischen Schlaganfall ausgetragen, das die iv Thrombolyse bei ausgewählten Patienten  ergänzen könnte und große Chancen, aber auch Risiken für die Betroffenen bietet. „Mehrere aktuelle Studien belegen übereinstimmend den Nutzen einer ergänzenden interventionellen Thrombektomie beim Nachweis einer verschlossenen großen Hirnarterie, werfen aber auch zahlreiche  Fragen zur Umsetzung in das klinische Management auf“, betonte ESC Kongresspräsident Prof. Dr. med. Michael G. Hennerici, Direktor der Neurologischen Klinik der Universitätsmedizin Mannheim. In  der kritischen Auseinandersetzung im Symposium „Endovascular treatment of acute stroke: News and perspectives“ standen  insbesondere die Vorläufigkeit der Datensammlung aller Studien, die fast alle nach der initialen Präsentation von MR CLEAN frühzeitig abgebrochen und somit unvollständig waren, offene Fragen zur Patientenauswahl und die fehlenden Analysen der bildgebenden Untersuchungen mit sehr heterogenen Einschlußkriterien. Zu Diskussionen lädt das die ESC begleitende wissenschaftliche Journal Cerebrovascular Diseases alle Teilnehmer und Interessenten ein:  www.karger.com/Article/FullText/433569   

Ein wichtiger Themenschwerpunkt  für die nächste Dekade in der Schlaganfallforschung stellen bahnbrechende Untersuchungen zur Reorganisationsmöglichkeit des Gehirns nach einem Hirninfarkt dar. Experimentelle Untersuchungen  erlauben erstmals eine translationale Übertragung in die klinische Forschung und eröffnen außer einem verbesserten Verständnis der höchst komplexen Reparaturprozesse des Gehirns auch beim  Erwachsenen und  im höheren Lebensalter neue Strategien im Management der Frührehabilitation.

Auf der Grundlage experimenteller und klinischer Pilotstudien wurden Strategien zu praktischen Umsetzungsmöglichkeiten diskutiert. Gefragt wurde, wie die gegenüber bisherigem Wissen weitaus effektivere Plastizität des Gehirns und seine Fähigkeit zur temporären oder permanenten Kompensation von Läsionen in die Behandlungsstrategien eingebaut werden könnte. „Bei den gemeinsamen Symposien der „European Stroke Research Foundation“ ESRF und der ESC „The promise of neurorecovery from stroke: From molecules to networks“ und „Penumbra reperfusion“ sowie der  gemeinsamen Sitzung mit der European Federation of Neurorehabilitation EFNR und der der ESC wurden Zukunftsstrategien auf Top-Niveau der Forschung diskutiert!“, so Prof. Hennerici. 

Weitere neue Erkenntnisse auf dem Gebiet der Schlaganfall-Folgebehandlung war Gegenstand von Experten-Diskussionen. The­ra­pie­ro­bo­ter, neu­ro­mo­du­la­to­ri­sche Si­mu­la­ti­ons­tech­ni­ken und com­pu­ter­as­sis­tier­te ko­gni­ti­ve Therapie­sys­te­me können im Anschluss an die akutmedizinische Behandlung die Bereiche Mo­to­rik, Wahr­neh­mung, Spra­che und Spre­chen, Schlu­cken und hirn­or­ga­ni­sche Leis­tungs­fä­hig­keit verbessern. „Tatsächlich sind erstaunliche Erfolge zu verzeichnen“, so Prof. Dr. med. Volker Hömberg, Leiter der Neurologie am SRH Gesundheitszentrum Bad Wimpfen, der gleichzeitig davor warnt, dass zu große Hoffnungen geweckt werden: „In spezialisierten Zentren sollte entschieden werden, in welchen Fällen sie sinnvoll einzusetzen sind und in welchen Bereichen es Verbesserungsmöglichkeiten gibt.“ 

Neben zahlreichen innovativen Themen trumpfte der Wiener ESC mit einer Reihe neuer Sitzungsformen auf, die bei den Teilnehmern gut ankamen: Die „Stroke news today“ stellten aktuelle Topics in konzentrierter Form zur Diskussion – etwa „Inflammation and stroke, Botulinum toxin and stroke treatment, Stroke and oncology“  sowie „Nutrition and dysphagia“. In speziellenExpert Roundtable“ kamen   kontroverse Diskussionspunkte lebhaft ausgetauscht auf den Tisch.  Ein anderes Kommunikationsforum diskutierte therapeutischen Vorgaben „beyond guidelines“ aus verschiedenen Perspektiven unter der Fragestellung, inwieweit „Large clinical trials“ und Metaanalysen noch up-to-date sein können. 

Aktuelle Innovationen bei chirurgischen Eingriffen wurden von herausragenden Neurochirurgen aus Japan, Europa und Nordamerika vorgestellt. Grundlage waren neueste experimentelle  und klinische  Studienergebnissen zur Pathobiologie, „Natural history“  und pharmakologische sowie interventionelle neurochirurgische Therapien zum „Management of ruptured and unruptured aneurysms“. Diskutiert wurde anschließend im neuen Sitzungs- und Kommunikationsstil des „Expert Roundtable“, wobei auch die Frage des Managements jenseits sicherer Leitlinien kritisch aufgeworfen wurde. 

Neue Aspekte der Schlaganfallprävention bei einer immer älter werdenden Bevölkerung, Konzepte individualisierter, „maßgeschneiderter“, auch  personalisierter  Therapie sowie Prävention, Management im Akutstadium und Anschlussmaßnahmen bei älteren Menschen mit komplexen Komorbiditäten waren wichtige Schwerpunkte – genauso wie auch die zunehmende Schlaganfallhäufigkeit im jüngeren Lebensalter, diskutiert in einem gemeinsamen Symposiums der European Society of Cardiology und der ESC. 

Seit es gelang, durch die spezifische Therapie der iv Thrombolyse und des Stroke Unit Managements die Folgen und  Komplikationen akuter Schlaganfallerkrankungen in den industrialisierten Nationen drastisch zu reduzieren, konnten durch Lifestyleänderungen und bessere Risikofaktormodulation eine Reduktion der Schlaganfälle um bis zu 80% und der Herz -Schlaganfall-Gefäßkrankheiten um bis zu 60% erreicht werden und auch die Sterblichkeitsraten der Schlaganfallpatienten konnten in den USA und Europa um ein Drittel reduziert werden. In einer gemeinsamen Veranstaltung der Panamerican Federation of Neurological Societies und der ESC wurde deutlich, dass inzwischen der Entwicklungsrückstand in den Ländern Mittel- und Südamerikas aufgeholt wird.  

Weitere Highlights waren am Schlusstag die Verleihung des 11. „Wepfer Awards“, des „OSCAR der ESC“ an Prof.  Ralph Sacco, USA und die „Special Lecture“ des weltbekannten Schlaganfallwissen-schaftlers Walter J. Koroshetz, M.D., Direktor der National Institute of Neurological Disorders and Stroke (NINDS), dem renommiertesten US-amerikanischen Institut zu Erforschung von Gehirn- und Nervenerkrankungen.

Zum ersten Mal konnten auch 40 junge  Wissenschaftler aus 24 Ländern    am letzten Kongresstag für ihre  best-beurteilten  eigenen Forschungsarbeiten  prämiert oder  mit einem Travel Grant der „European Stroke Research Foundation“ (ESRF) belohnt werden, um  ihren eigenen Beitrag auf der ESC in Wien vorstellen zu können:  www.eurostroke.eu  stellt die Preisträger vor. 

 „Es ging uns wieder darum, den  persönlichen Erfahrungsaustausch auf allen Gebieten der Schlaganfallforschung, unabhängig von politischen Gesellschaften und ihrer Apologeten   aber auch unter Zurücknahme der Einflußnahme kommerzieller Interessenen  zur Förderung und Kooperation neuer Grundlagen bezogener und klinisch wissenschaftlicher voranzubringen, und so  die Behandlung und Vorbeugung von Schlaganfallereignissen wie in den vergangenen 25 Jahren der ESC zu verbessern“, so Prof. Hennerici, der die ESC 1990 mit begründete. Der Austausch von Ideen und Know-how zwischen erfahrenen Klinikern unterschiedlichster Disziplinen, Wissenschaftlern aus experimentellen und klinischen Forschergruppen sowie internationalen Nachwuchsforschern wird im nächsten Jahr fortgesetzt mit der 25. „European Stroke Conference“ (ESC) vom 13.-15. April 2016 in Venedig.