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Cannabis als Medikament - Verkehrsexperten diskutieren in Leipzig, welche Gefahren für Fahrsicherheit und Fahreignung damit einhergehen

Leipzig.  Am 6. und 7. Oktober 2017 findet in Leipzig das 13. Gemeinsame Symposium der Deutschen Gesellschaft für Verkehrspsychologie e.V. (DGVP) und der Deutschen Gesellschaft für Verkehrsmedizin e.V. (DGVM) statt. Ein Thema dieser Tagung wird dann Cannabis als Medikament sein. Seit Anfang des Jahres darf Cannabis im Rahmen einer ärztlichen Therapie legal verwendet werden. Für die Patienten bedeutet das ein Fahrverbot in der Einstellungs- und Gewöhnungsphase. Danach gelten für sie die gleichen Maßstäbe wie für andere Patienten, die dauerhaft Arzneimittel einnehmen müssen. Können diese ein Fahrzeug sicher führen, dürfen sie am Straßenverkehr teilnehmen. Die Folgen einer längerfristigen Einnahme von Cannabispräparaten auf die Fahreignung jedoch müssen noch untersucht werden. Zudem besteht auch die unmittelbare Gefahr des Missbrauchs. 

Im März 2017 wurde mit der Änderung des Betäubungsmittelgesetzes (BtMG) und des Sozialgesetzbuches (SGB) die Voraussetzung geschaffen, um Cannabis im Rahmen einer ärztlichen Therapie auf BtM-Rezept verordnen zu können. Diese Neuerung betrifft vor allem Cannabisblüten; fertige Arzneimittel wie Sativex oder Grundstoffe für die Herstellung von Rezepturen wie Dronabinol waren bereits vorher und bleiben weiterhin verschreibungsfähig. Bei den verschreibungsfähigen Cannabispräparaten handelt es sich um Betäubungsmittel. Das Betäubungsmittelgesetz legt dem Arzt besondere Pflichten auf, insbesondere muss er prüfen, ob die Verordnung medizinisch begründet ist und keine alternative Therapiemöglichkeit besteht. „Problematisch ist, dass derzeit kaum evidenzbasierte Empfehlungen zur Therapie mit Cannabisprodukten ausgesprochen werden können. Eine hinreichend belegte Wirksamkeit besteht bei der Behandlung der Spastik bei Multipler Sklerose, der Behandlung von Übelkeit und Erbrechen bei Chemotherapie sowie der Behandlung von (neuropathischen) Schmerzen. Daneben wird eine Vielzahl weiterer möglicher Indikationen genannt, die sich meist auf subjektive Erfahrungen oder auch auf Einzelfallberichte stützen. Die Studienlage insgesamt ist als nicht ausreichend zu kennzeichnen“, erklärt Prof. Dr. med. Matthias Graw, Präsident der DGVM und Vorstand des Instituts für Rechtsmedizin der Ludwig-Maximilian-Universität München. 

Hinsichtlich der Verordnung von Cannabispräparaten sind wie bei allen Medikamenten Kontraindikationen und Nebenwirkungen zu beachten. Nicht verwendet werden sollte es vor allem bei Suchterkrankungen und Psychosen. Auch sollten Cannabinoide nicht bei Jugendlichen verordnet werden, da Störungen in der Persönlichkeitsentwicklung zu befürchten sind. Häufige Nebenwirkungen sind Schwindel, Müdigkeit, Gleichgewichts-, Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstörungen, Desorientierung, Schläfrigkeit und Sehprobleme. Besonders problematisch ist die Frage nach Fahrsicherheit und Fahreignung. 

Nach der alten Gesetzeslage und der entsprechenden Rechtsprechung war jemand, der regelmäßig Cannabis konsumiert, nicht fahrgeeignet. Dies gilt für nicht ärztlich verordneten Cannabiskonsum heute ebenso. Nach §24a Straßenverkehrsgesetz (StVG) ist der Konsum von den hier explizit genannten Betäubungsmitteln bei Vorliegen einer ärztlichen Verordnung insofern privilegiert, als dass dann keine Ordnungswidrigkeit beim Fahren gegeben ist. Seit März 2017 gilt dies nun auch für den Wirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC) aus Cannabisblüten. „Zu befürchten ist, dass auch Personen mit einer illegalen Cannabisvorgeschichte bei den Ärzten nun vermehrt Cannabis als Medikament nachfragen, um den Konsum verkehrsrechtlich zu "legalisieren". Für diese Annahme spricht die Beobachtung, dass die Konsumenten, die eine Ausnahmegenehmigung durch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zum Eigenbezug von Cannabisblüten aus den Apotheken besaßen, nicht dem typischen und mit der Gesetzesänderung angesprochenen Klientel einer Schmerzambulanz oder Palliativklinik entsprechen“, gibt Prof. Graw zu bedenken. 

Dies dürfe jedoch nicht negieren, dass im Einzelfall Patienten von einer Cannabistherapie profitieren. Bei einer entsprechenden medikamentösen Neueinstellung oder Therapieanpassung ist – wie bei allen anderen zentralwirksamen Substanzen auch – zunächst von einem ärztlich ausgesprochenen "Fahrverbot" auszugehen, bis die Wirkungen auf die Krankheit und deren Symptome einerseits sowie auf die Fahreignung andererseits hinreichend sicher beurteilt werden können. „Die derzeitige Studienlage gibt keinen Aufschluss darüber, welche Zeitdauer angemessen ist. Auch die langfristigen Auswirkungen einer dauerhaften Einnahme hoher Dosen von Cannabinoiden sind noch nicht hinreichend erforscht, so dass Cannabispatienten auch hinsichtlich der Langzeitfolgen für die Fahrsicherheit einer Beobachtung bedürfen“, so Graw.