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Bahnbrechende neue Immuntherapien mit 'Checkpoint-Inhibitoren' beim malignen Melanom, vielfältige Behandlungen aktinischer Keratosen

München.(ka) Am 12. September 2015 ging der 25. Deutsche Hautkrebskongress der Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Onkologie (ADO) in München zu Ende, der wieder drei Tage lang mit großem Erfolg stattfand. Die große Resonanz mit mehr als 850 Teilnehmern im Holiday Inn Munich, City Centre, zeigte das große Interesse an der Fachtagung, bei der interdisziplinäre Zusammenarbeit sowie kollegialer Austausch wieder im Vordergrund standen, um die vielversprechenden Fortschritte der letzten Jahre in der Systemtherapie von Melanom und anderen Hauttumoren weiter auszubauen. Die Präsentation aktueller Entwicklungen, Forschungsergebnisse und Behandlungsmethoden, die das vielfältige Programm unter der Leitung von Tagungspräsidentin Prof. Dr. Carola Berking, Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie am Universitätsklinikum München, bestimmten, fand großen Zulauf. Auch die zahlreichen Workshops zu praktischen Aspekten der dermatologischen Onkologie waren gut besucht. 

In Plenarsitzungen, gemeinsamen Symposien mit verwandten Fachgesellschaften sowie in zahlreichen freien Vorträgen wurden neue wissenschaftliche Erkenntnisse aus Grundlagenforschung und Praxis interdisziplinär präsentiert. Besondere Höhepunkte waren die Plenarredner mit ihren hochkarätigen Vorträgen: der Molekularpathologe Prof. Dr. Boris Bastian (San Francisco/USA), dessen Arbeiten Basis für eine neue Klassifikation der Primärmelanome sind, Prof. Dr. David Fisher (Boston/USA), einer der international angesehensten Pigmentzellforscher, und der renommierte Immunonkologe PD Dr. Christian Blank (Amsterdam/NL). 

Präventionsmaßnahmen und innovative Behandlungsmethoden
Ein aktueller Tagungsschwerpunkt lag in dem Bereich ‚Beruflicher Hautkrebs mit geeigneten Präventionsmaßnahmen zu UV-Schutzkomponenten für Außenbeschäftigte‘. „Die Anerkennung als Berufskrankheit hat den UV-assoziierten Hautkrebs auf eine neue Ebene gehoben“, betonte Prof. Carola Berking. „Nun müssen Arzt und Patient sensibilisiert werden, damit die tatsächlich Betroffenen gemeldet und begutachtet werden.“ Mit der neuen Gesetzgebung sollten UV-Präventionsmaßnahmen noch effektiver und flächendeckender umgesetzt werden, etwa sachgemäße Verwendung von Sonnenschutzmitteln, textiler Schutz und das Hautkrebsscreening.  

Gleich zu Beginn der Tagung wurden beim klinischen Studientreffen mehr als 30 aktuelle Studien vorgestellt, an denen deutsche Hautkrebszentren aktiv beteiligt sind. „Der interdisziplinäre Austausch war sehr wichtig, gerade auch im Hinblick auf das Nebenwirkungs-management der neuen Onkologika, die Leitlinienerstellung und die neue Initiative der Nationalen Versorgungskonferenz Hautkrebs“, betonte Prof. Carola Berking. Dass sieben Symposien von verwandten Fachgesellschaften oder Arbeitsgemeinschaften in der Reihe „ADO meets …“ veranstaltet wurden, zeigte den weiteren Ausbau von wissenschaftlichen, klinischen und berufspolitischen Interaktionen. 

Wichtige Erkenntnisse zur Behandlung aktinischer Keratosen
Ein eigener Workshop mit ausgewiesenen Experten auf dem Gebiet der nicht-invasiven Diagnostik stellte neue technische Hilfsmittel zur Hautkrebsdiagnostik vor, die eine Biopsie ersetzen können. 

Aktuelle Untersuchungen zeigten, dass sogenannte „Carcinoma in situ“ der Haut eine Vielzahl der älteren Personen in der Bevölkerung betreffen und verstärkt auftreten. Zunächst auf die obere Hautschicht begrenzt, in der es keine Blut-und Lymphgefäße gibt, bilden aktinische Keratosen zunächst keine Metastasen. Unbehandelt können sie sich jedoch zu einem invasiven Hautkrebs weiterentwickeln, dem Plattenepithelkarzinom. Zum Erkrankungsrisiko, das zwischen 0,025 und 16 Prozent angegeben wurde, und zu Neuerkrankungsraten in Deutschland gibt es keine genauen Angaben, da aktinische Keratosen bisher nicht in Tumorregistern gelistet werden. Untersuchungen des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf weisen jedoch auf eine hohe Erkrankungsrate hin. Bei 2,7% von 90.000 untersuchten Arbeitnehmern zwischen 16 und 70 Jahren wurde die Diagnose aktinische Keratose gestellt, wobei sich mit zunehmendem Alter ein Anstieg zeigte: Bei den 60-70-Jährigen waren 16,36 % der Männer und 6,29 % der Frauen erkrankt. Nach einer Studie aus England waren 15% der Männer und 6% der Frauen betroffen, wobei die Zahlen in der Altersgruppe der über 70-Jährigen auf 34% bei Männern und auf 18% bei Frauen anstiegen. 

Auf der Basis von konsequentem Lichtschutz sollten sich die vielfältigen nicht-invasiven Therapie-möglichkeiten, unter anderem in Form von Gels oder Cremes, individuell nach der Ausprägung, dem Schweregrad der Erkrankung, dem Allgemeinzustand, möglichen Vorerkrankungen oder Immunschwäche und nach den eigenen Wünschen des Patienten richten. Bei der etablierten Behandlung durch "Photodynamischen Therapie" (PDT) wurde die Tageslicht-PDT neu zugelassen, die eine deutlich geringeren Schmerzhaftigkeit im Vergleich zur konventionellen PDT bietet und für großflächigere Feldkanzerisierung geeignet ist, die häufig bei aktinischen Keratosen auftritt. Neben den seit mehreren Jahren etablierten Substanzen wurden weitere neue Therapeutika in Deutschland zugelassen. Eins dieser Präparate hat den Vorteil, dass eine größere Fläche von 100 cm2 behandelt werden kann. Ein anderes Präparat hat den Vorteil einer sehr kurzen Anwendung von 2-3 Tagen. 

Bei der Vielzahl effektiver Therapiemöglichkeiten mit exzellenten kosmetischen Ergebnissen wurde auf die oft nicht unerheblichen lokalen Nebenwirkungen hingewiesen. Der häufig chronische Verlauf von aktinischen Keratosen erfordere eine frühzeitige Behandlung Kombination mit verschiedenen Substanzen oder eine aufeinanderfolgende Therapie. 

Bahnbrechende neue Immuntherapien mit 'Checkpoint-Inhibitoren'
Ein wichtiger Tagungsschwerpunkt lag auf neuen Therapien beim malignen Melanom, eine der bösartigsten Formen des Hautkrebses - für jährlich 3.500 Menschen in Deutschland tödlich, bei frühzeitiger Diagnose jedoch meistens heilbar. Sobald der aggressive Tumor Metastasen gestreut hatte, ließ sich der Krankheitsverlauf bis vor wenigen Jahren kaum durch Chemotherapie oder Bestrahlung aufhalten, so dass mit einem fortgeschrittenen Melanom nur fünf Prozent der Patienten länger als fünf Jahre überlebten. Die Fortschritte in der Melanombehandlung der letzten Jahre in den Bereichen der zielgerichteten Therapie und der Immuntherapie sind nach Ansicht der dermatologischen Fachgesellschaften bahnbrechend. 

Die Präsentation zahlreicher neuer Studien zeigte bei steigenden Fallzahlen weiterhin verbesserte Behandlungsoptionen für die 20 000 Patienten, die jedes Jahr an schwarzem Hautkrebs neu erkranken: „Innovative Therapiemöglichkeiten führen dazu, dass durch Kombinationen vielversprechender Behandlungen aus einer tödlichen Erkrankung eine chronische Krankheit wird“, so Prof. Dr. Dirk Schadendorf, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Onkologie. "Wir sehen auch in diesem Jahr wieder deutliche Fortschritte, die das Langzeitüberleben ermöglichen." 

Neu eingerichtet wurde die Sitzung „ASCO Nachlese“, nachdem auf dem diesjährigen ASCO-Kongress das Melanom wieder das zentrale Thema war. Neu vorgestellte Studiendaten zu den Themen Lymphknotendissektion, mutationsbasierte zielgerichtete Therapie und Checkpoint-Inhibitor-Therapie wurden in einer Keynote lecture präsentiert und auch in  mehreren Satellitensymposien wurden die neuen Wirkprinzipien aufgegriffen. 

Ansatzpunkt der neuen Checkpoint-Inhibitor-Therapie ist die Erkenntnis, dass sogenannte "Checkpoints" eine Herunterregulierung der T-Zell-Aktivität bewirken, was  eine überschießende Aktivierung des Immunsystems verhindert und gleichzeitig auch Immunreaktionen gegen Tumorzellen blockiert. Durch die Kenntnis solcher Checkpoints war es möglich, Substanzen zu entwickeln, sogenannte Checkpoint-Inhibitoren, die hier eingreifen und die Herunterregulation der T-Zellen verhindern. „Der Trick bei den Checkpoint-Inhibitoren funktioniert über die Blockade von hemmenden Signalen auf das Immunsystem, speziell auf T-Zellen, die über den Tumor in einer Art Starre gehalten werden“, so Prof. Carola Berking. „Nach dem Prinzip ‚Minus plus Minus gleich Plus‘ oder ‚Hemmung der Hemmung ergibt Aktivierung‘ resultiert ein Wiedererwecken der körpereigenen Immunabwehr, in dem T-Zellen den Tumor wieder erkennen und abtöten können. Dieses Therapieprinzip funktioniert unabhängig vom BRAF-Mutationsstatus.“ 

Ipilimumab, als erster Checkpoint-Inhibitor 2011 zur Behandlung von Melanompatienten zugelassen, blockiert das Molekül CTLA4 und führt nach einer neuen Studie bei etwa 22% der Patienten, die an einer fortgeschrittenen Melanomerkrankung leiden, zu einem Langzeitüberleben von mindestens 3 Jahren. Aktuell wurden zwei weitere Checkpoint-Inhibitoren zugelassen, welche das PD1-Molekül hemmen, das Nivolumab und das Pembrolizumab. Beide Substanzen führten in 30-40% der Patienten mit inoperabel metastasiertem Melanom zu einem deutlich messbaren Ansprechen der Erkrankung mit einem im Vergleich zu Ipilimumab verlängerten rezidivfreien Überleben. 

Mit den Checkpoint-Inhibitoren wurde ein neuer Therapieansatz etabliert, der die Behandlung von Patienten mit inoperabler Melanomerkrankung signifikant verbessert. Ob der Einsatz bei Hochrisikopatienten bereits vorbeugend (adjuvant) sinnvoll ist, wird aktuell in klinischen Studien untersucht. „Erste Studien konnten zeigen, dass die Kombination von Ipilimumab und Nivolumab die Ansprechraten weiter erhöht, aber auch die Nebenwirkungen verstärkt“, so. Prof. Dr. Ralf Gutzmer, Hannover, der über die neuen Erkenntnisse beim ASCO-Kongress berichtete. Zu den Nebenwirkungen gehörten insbesondere überschießende Immunreaktionen, die zu Entzündungen in verschiedenen Organen führen können. Das Melanom ist die erste Tumorerkrankung, bei der Checkpoint-Inhibitoren erfolgreich eingesetzt wurden. Grundsätzlich aber auch bei anderen Tumoren anwendbar, wird dieses Therapieprinzip in einer Vielzahl von Studien untersucht. 

 „Forum Hautkrebs“ mit Podiumsdiskussion
Da Tumorerkrankungen der Haut als mittlerweile häufigste Krebsart in Deutschland von großem öffentlichen Interesse sind, wurde von der Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Onkologie (ADO) und der Deutschen Hautkrebsstiftung zum „Forum Hautkrebs“ eingeladen. In der gut besuchten Veranstaltung mit aktuellen Informationen vom Hautkrebskongress und anschließender Podiumsdiskussion über Prävention, Früherkennung die neuen Möglichkeiten der Immuntherapie und zielgerichtete Therapieansätze vorgestellt und kritisch hinterfragt. Teilnehmer der Podiumsdiskussion waren Prof. Dr. med. Carola Berking und Dr. med. Julia Tietze (beide Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie der LMU München), Prof. Dr. med. Rüdiger Hein (Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie am Biederstein der Technischen Universität München) sowie Annegret Meyer als Vertreterin der Selbsthilfegruppe Hautkrebs Buxtehude. Moderiert wurde die Diskussionsrunde von Werner Buchberger, bekannt als Moderator vom „Das Gesundheitsgespräch“ des Bayerischen Rundfunks. Patienten, Angehörige und weitere Interessierte nutzten die Möglichkeit, sich in persönlichen Gesprächen mit renommierten Experten auszutauschen, die Informationsstände der Selbsthilfegruppen und Pharmafirmen zu besuchen und Möglichkeiten gegenseitiger Unterstützung kennenzulernen. 

Alle Informationen zum Kongress sowie das Programm stehen unter www.ado-kongress.de zur Verfügung. Der 26. Deutsche Hautkrebskongress der Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Onkologie 2016 findet vom 22.-24. September 2016 in Dresden unter Leitung von Prof. Dr. Stefan Beissert und Prof. Dr. Friedegund Meier statt.