Prof. Dr. Fritz Rehbein

Ein Bremer Kinderchirurg schreibt Medizingeschichte

In der medizinischen Fachwelt gilt Prof. Dr. Fritz Rehbein neben Prof. Dr. Anton Oberniedermayr aus München als Pionier der deutschen Kinderchirurgie. Im April 2011 jährt sich Rehbeins Geburtstag zum 100. Mal. Grund genug einen Blick zurück zu werfen: auf die Biographie dieses außergewöhnlichen Arztes, der Medizingeschichte schrieb, aber auch auf die Geschichte der Bremer Kinderchirurgischen Klinik, an der er über ein viertel Jahrhundert mit großem Erfolg gewirkt hat und der er zu internationalem Ansehen verhalf.

Fritz Rehbein wurde am 8.4.1911 im hessischen Westuffeln geboren. Nach dem Abitur studierte er an den Universitäten in München, Bonn, Hamburg und zuletzt in Heidelberg, wo er auch seine Dissertation vorlegte. Seit Sommer 1936 arbeitete er als Volontärassistent, Assistenz- und zuletzt als Oberarzt in der Chirurgischen Universitätsklinik Göttingen. Hier legte er 1946 auch den Facharzt für Chirurgie und  Orthopädie ab und habilitierte sich 1948 für die beiden Fächer. Später ergänzte er noch eine urologische Spezialisierung. Seine Ernennung zum außerplanmäßigen Professor der Medizinischen Fakultät Göttingen erfolgte 1953.

Zu diesem Zeitpunkt war Rehbein bereits Chef der Kinderchirurgischen Abteilung in Bremen, deren Leitung er am 1. Januar 1951 mit großem Engagement übernommen hatte. Schon 1948 hatte Rehbein den Kinderchirurgen Dr. Straßburg zeitweise vertreten   dürfen, der seit 1911 der Bremer Kinderchirurgie vorstand und 1934 den Wechsel an den    Standort Mitte begleitet hatte. Rehbein selbst schrieb 1985 in Erinnerung an seine   Anfangsjahre: „Es war mit das große Glück beschieden, in einer Zeit tätig sein zu können in der die Kinderchirurgie bei uns in der Bundesrepublik gerade begann und man das schöne Gefühl haben konnte, Neuland entdecken und in Unbekanntes vorstoßen zu können."

Noch im selben Jahr gelang dem Chirurgen eine Operation, mit der er in die Medizingeschichte einging. Am 17. Oktober 1951 führte er die erste erfolgreiche Operation einer Ösophagusatresie in Deutschland durch. Zehn Jahre zuvor war dies dem Chirurgen Cameron Haight in Michigan erstmals geglückt. Rehbein selbst bewertete die erste erfolgreiche End-zu-End-Anastomose als die Geburtsstunde der modernen Kinderchirurgie. „Es klingt heute schier unglaublich, dass wir die ersten Fälle noch ohne Intubation in Äthertropfnarkose operiert haben“, schrieb der Chirurg 1983 rückblickend. Während seiner aktiven Zeit in der Bremer Kinderchirurgie wurden über 500 derartige Operationen durchgeführt.

Zahlreiche Kinder kamen aus dem In- und Ausland zur Operation nach Bremen und mit ihnen zog es auch internationale Fachkollegen in die Hansestadt. Sie hospitierten, waren zum Teil über Wochen und Monate in das Team der Klinik integriert, um die innovativen Behandlungsansätze Rehbeins zu erlernen und sie in ihren Heimatländern umzusetzen. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass die „Rehbein’sche Klinik eines der wichtigen kinderchirurgischen Zentren der Welt geworden“ war, wie Hugo Sauer anlässlich des 1974 von Rehbein initiierten Internationalen Symposiums zur Ösophagusatresie konstatierte. Damals trafen sich die renommiertesten europäischen und außereuropäischen Kinderchirurgen in der Hansestadt. Neben dem dreitägigen Kongress der British Association of Paediatric Surgeons (BAPS) den Rehbein im Sommer 1967 in Bremen ausrichten durfte, sei dieses internationale Symposium ohne Zweifel der berufliche Höhepunkt seines Vaters gewesen, erinnert sich der Sohn.

Während seiner 25jährigen Tätigkeit als Kinderchirurg in Bremen hat Rehbein zahlreiche neue Operationsmethoden bis ins Einzelne erdacht, erprobt und veröffentlicht. Werner von Ekesparre würdigte die immense Produktivität Rehbeins als „heilsame Unruhe“, die ihn unermüdlich antrieb „dem Guten das Bessere folgen zu lassen“. Doch nicht nur seine ärztlichen Kollegen und Schüler sprechen mit großer Achtung über den Chirurgen. Auch eine ehemalige Patientin, die wiederholt von Rehbein operiert wurde, erinnert sich noch heute mit großer Sympathie an den „enthusiastischen Mediziner“ - an seine Empathie, Introvertiertheit, seine Sachlichkeit, Kompetenz, Gläubigkeit und zu guter Letzt an seine Bescheidenheit und Dankbarkeit, die sie damals zutiefst berührte habe.

Das besondere Engagement des Bremer Kinderchirurgen galt neben der Ösophagusatresie, der Diagnostik und Behandlung des Morbus Hirschsprung, der Korrektur verschiedener Brustwanddeformitäten, der Chirurgie des gastro-ösophagealen Überganges aber auch der Analatresie. Als Facharzt für Urologie waren es darüber hinaus auch urologische Themen die ihn interessierten und die einen relevanten Teil seiner klinischen Arbeit ausmachten. Dazu gehörte die Therapie der Blasenekstrophie ebenso wie die angeborener Harntranspoststörungen.

Seine Forschungsergebnisse und profunden Operationserfahrungen veröffentlichte Rehbein in Aufsätzen und Vorträgen, aber vor allem in dem Fachbuch „Kinderchirurgische Operationen“ (1976), das noch heute in weiten Teilen aktuell und zudem ein herausragendes Beispiel für didaktische Klarheit ist. Darüber hinaus war er 1964 Mitbegründer und Schriftführer (bis 1983) der weltweit zweitältesten kinderchirurgischen Fachzeitschrift, der „Zeitschrift für Kinderchirurgie“.

 

Große Meriten erwarb sich Rehbein zudem durch seine aktive Teilnahme im internationalen Netzwerk der Kinderchirurgie. Vorträge auf Kongressen und in Universitäten führten ihn u.a. ins ägyptische Alexandria (1962), nach Tokio (1965), Malta (1968), Australien (1970) und mehrmals in die USA. 1975 reiste Rehbein für zwei Wochen auf Vermittlung des Bremer Bürgermeisters Hans Koschnik nach Ljubljana, um Ärztinnen und Ärzte in der neu eröffneten kinderchirurgischen Klinik zu unterrichten.

Genau nach 25 Dienstjahren wurde Fritz Rehbein im Mai 1976 feierlich in den Ruhestand verabschiedet. Im Alter von 80 Jahren verstarb der Pionier der Kinderchirurgie am 7. September 1991 während eines Urlaubs in den Österreichischen Alpen, die der begeisterte Wanderer häufig durchschritten hatte.

 

Chronik wichtiger Ehrungen und Auszeichnungen für Prof. Fritz Rehbein

1962

 

Ehrenmitglied der Société Francaise de Chirurgie Infantile

1967

Honorary Fellow der American Academy of Pediatrics
Medaille für Kunst und Wissenschaft der Freien Hansestadt Bremen

1967

Isabella-Forshall-Medaille der British Association of Pediatric Surgeons
Korrespondierendes Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde

1970

Verleihung des Offiziersordens der „Palmes Academiques“

1971

Ehrenmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Kinderchirurgie
Verleihung der Per-Dubb-Medaille der Ärztegesellschaft Göteborg

1972

Korrespondierendes Mitglied der Skandinavischen Gesellschaft für Kinderchirurgie
Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie

1973

  

Ehrenmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Kinderchirurgie

1974

Korrespondierendes Mitglied der Argentinischen Gesellschaft für Kinderchirurgie
Verleihung des Großen Verdienstkreuzes des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland

1975

Mitglied der Akademie der Naturforscher – Sektion Chirurgie-Leopoldina-Universität Halle
Ehrenmitglied der Ungarischen Gesellschaft für Kinderchirurgie

1976

Ehrenmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Kinderheilkunde
Ehrenmitglied der British Association of Pediatric Surgeons

1977

Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie

1978

Verleihung der Paracelsus-Medaille der deutschen Ärzteschaft

1985

Ernennung zum Ehrendoktor der gesamten Heilkunde der Karl-Franzens-Universität Graz

1988

Ehrenmedaille der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie

1992

Umbenennung der Ehrenmedaille in „Fritz-Rehbein-Ehrenmedaille“

2005

2005 Erstverleihung der Fritz-Rehbein-Medaille der European Association of Pediatric Surgeons 

 

Gerda Engelbracht, Engelbracht und Hauser, Geschichts- und Kulturkonzepte
Februar 2011
www.kulturkonzepte-bremen.de